12. November 2015

Meine Lesebiografie

Das erste Semester ist gefühlsmäßig schon sehr lange her, aber dennoch möchte ich mit euch meine "Lesebiografie" teilen. Das war eine Aufgabe für den Kurs "Literaturdidaktik und -wissenschaften", für die wir uns Gedanken machen sollten, wie denn unsere Lesesozialisation abgelaufen ist. Für jemanden der gerne und immer noch regelmäßig liest, ist das ein leichtes. Für andere Kommilitonen, die Deutsch studieren und trotzdem keine Leser sind, war es eine Herausforderung darüber nachzudenken, warum sie denn ungerne lesen und dennoch Schülern lehren wollen zu lesen.
Wie lief denn eure Lesesozialisation ab? Lest ihr immer noch gerne und regelmäßig? 




Vom mütterlichen Vorlesen über die ersten Leseversuche bis jetzt


Phase 1: Primäre literarische Initiation
Phase 2: „Krise“ des Schriftspracherwerbs
Phase 3: Kindliche Viellesephase
Phase 4: Literarische Pubertät
Phase 5: Wiedereinstieg ins Lesen

"Meine Mutter liest außergewöhnlich schnell und viel. Schon in unserer kleinen Zweizimmerwohnung standen überall Bücher. Auch jetzt haben sie ihren Platz im gesamten Haus. Sie stehen in Regalen und auf Schränken, sind im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer und in den Schlafzimmern; Bücher sind immer präsent. Meine eigenen Bücher verstecken sich momentan in Kisten und warten darauf endlich wieder rauskommen zu dürfen.
Mein erstes Buch war ein Bilderbuch, das abwischbar war und ich mit in die Badewanne nehmen konnte. Meine Mama hat meiner älteren Schwester und mir sehr oft vorgelesen. Die prägendste Erinnerung daran, waren die Besuche beim Kinderarzt. Während andere kranke Kinder im Warteraum gespielt und getobt haben, holten meine Schwester und ich immer die gleichen Bücher, saßen ganz nah bei unserer Mama und ließen uns vorlesen. Entweder wollten wir die Geschichte von Ulrike Tewes "Eva Roxi, die kleine Schildkröte auf Reisen" oder von Hans de Beer "Der kleine Eisbär" hören. Meine Schwester und ich hatten auch zu Hause viele Bücher, anfänglich zum Bilderangucken oder für mütterliches Vorlesen.

Als ich dann in der Schule Lesen gelernt habe, hatte ich anfangs große Probleme. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mama viele Nachmittage Lesen geübt habe in den Leseanfängerbüchern von June Woodman. Noch jetzt denke ich mit Grauen daran, weil ich mich sehr schwer getan und es als Qual empfunden habe. Trotzdem denke ich mit Begeisterung an die Geschichten über Egon Eule, Bruno Bär und Emma Ente zurück und bin sehr froh darüber, dass sich meine Mama die Mühe gemacht hat. Irgendwann zahlte sich das viele Üben aus, ich überwand diese „Krise“ des Schriftspracherwerbs und konnte ab Ende der zweiten Klasse/ Anfang dritter Klasse gut lesen. Meine Mama las mir während dieser Zeit weiterhin vor. Außerdem hatte ich viele Hörspielkassetten, unter anderem viele Märchen von den Gebrüdern Grimm, später Karl Mays Winnetou, Astrid Lindgrens "Wir Kinder aus Bullerbü" und "Die Brüder Löwenherz".

Seit den anfänglichen Schwierigkeiten beim Lesenlernen gehörte das Lesen einfach zu mir. Während der Grundschulzeit las ich sehr gerne "Kommissar Kugelblitz" und die Bücher über Mandy und ihre tierischen Findelkinder von Lucy Daniels. Das allererste „richtig dicke“ Buch, das ich gelesen habe, hieß "Linda ist unmöglich" und ich hatte es nur wegen des Titels auf einem Trödelmarkt erstanden. Weil es aber so dick war, stand es lange Zeit im Regal. Doch irgendwann traute ich mich an die 253 Seiten ran. In der vierten oder fünften Klasse ging ich zum ersten Mal bewusst in die Stadtbibliothek und bekam dadurch einen „Vielleseschub“. Ich war spätestens alle drei Wochen dort und nahm mir jedes Mal sechs, sieben Bücher mit nach Hause. Dort entdeckte ich auch die Bücher von Cornelia Funke und ihren wilden Hühnern. Ich bekam sehr oft zum Geburtstag und zu Weihnachten, entweder von meiner Mama oder von anderen Familienmitgliedern, Bücher geschenkt. Irgendwann war die Geschichte der roten Zora und ihrer Bande von Kurt Held mit dabei, das seitdem eines meiner Lieblingsbücher ist.

In der Sekundarstufe I hatte ich eine tolle Deutschlehrerin, die die Pflichtlektüre nicht nach dem Rahmenplan abarbeitete, sodass nie eine Diskrepanz zwischen der Schullektüre und meiner pubertären Entwicklung aufkam. Die Pflichtlektüre beinhaltete spannende, kontroverse Themen wie jugendlicher Drogenmissbrauch, Gewalt und Schwangerschaftsabbruch. Außerdem fing ich an „Mädchenbücher“ zu lesen, die sich mit dem Thema Liebe und Liebeskummer beschäftigten. Danach fing ich an „anspruchsvollere“ Literatur zu lesen (z. B. Jostein Gaarder oder Lian Hearn). Erst später erlebte ich eine kleine „Krise“ zwischen meiner Freizeit- und der Schullektüre, denn Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" sprachen mich weder thematisch noch ästhetisch an.

Den sogenannten „Wiedereinstieg ins Lesen“ habe ich nie durchleben müssen, da ich eigentlich in den ganzen Jahren, seitdem ich Lesen kann, immer wieder ein Buch in die Hand genommen habe. Hauptsächlich vergrößerte sich die Genreauswahl, sodass ich heutzutage kreuz und quer lese und gerne Buchempfehlungen aus der Familie annehme. Ich fing sogar an einige sozialistische Jugendbücher meiner Mama zu lesen (z. B. Lilo Hardel).

Da ich von Kindesbeinen an sehr häufig und durchgehend mit Büchern in der Familie konfrontiert wurde, und ich auch heute noch sehr gerne lese, würde ich mich zu der Kategorie „erwarteter Vielleser“ zählen. Ich sehe meinen Umgang mit Büchern als sehr gefestigt und werde auch in Zukunft gerne lesen. Natürlich wird es Viellesephasen und kurze Pausen geben, aber ich denke, ich werde immer wieder zum Buch finden. Ich hoffe, dass ich diese Begeisterung für Bücher an meine späteren Kinder weitergeben kann."


Exemplarische Literaturliste (alphabetisch sortiert):

-Austen, Jane, Emma, Stolz und Vorurteil, u. v. m.
-Beer, Hans de, Der kleine Eisbär
-Boyne, John, Der Junge im gestreiften Pyjama
-Bubenzer, Anne, Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown
-Colfer, Eoin, Buchserie: Artemis Fowl
-Daniels, Lucy, Buchserie: Die Tierfreunde
-Funke, Cornelia, Buchserie: Die wilden Hühner, Drachenreiter, dreiteilige Buchreihe: Tintenbücher, u. v. m.
-Gaarder, Jostein, Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort, Das Orangenmädchen, u. v. m.
-Gibson, Rachel, verschiedenste „Schnulzenbücher“
-Goethe, Johann Wolfgang von, Die Leiden des jungen Werthers
-Hardel, Lilo, Susanne aus Märzdorf
-Hearn, Lian, fünfteilige Buchreihe: Der Clan der Otori-Held, Kurt, Die rote Zora und ihre Bande
-Jonasson, Jonas, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
-Kästner, Erich, Das doppelte Lottchen, Pünktchen und Anton, etc.
-Phillips, Susan Elizabeth, verschiedenste „Schnulzenbücher“
-Sage, Angie, siebenteilige Buchreihe: Septimus Heap
-Scheffel, Ursel, Buchserie: Kommissar Kugelblitz
-Seul, Michaela, Kriminalromane: Ermittlerduo Franza und Flipper
-Swann, Leonie, Glennkill, Garou
-Tewes, Ulrike, Eva Roxi, die kleine Schildkröte auf Reisen
-Wolick, Peter, Linda ist unmöglich
-Woodman, June, Egon Eule fliegt zum Mond und andere lustige Geschichten, Suse die vergessliche Spinne und ihre Freunde

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